Nach Grußworten von Bürgermeister Golde und dem Kultusministerium Brandenburg begrüßte PD Dr. Dirk Hempel, Kempowskis langjähriger Mitarbeiter und Biograph das internationale Publikum, das die vielen Referate mit wohlwollendem Interesse verfolgte. Hempel, der auch Gründungsmitlied der Kempowski-Gesellschaft ist, verglich in seinem überaus anschaulichen Vortrag die Gesamtwerkpläne Fontanes und Kempowskis, wobei er auch jene Balzacs und Galsworthys heranzog.

Eine großzügige Geste sollte diesem ersten Abend aber seine ganz besondere Note geben: Die Vorsitzende der Fontane-Sektion Schleswiger Land, Ulrike Freifrau von der Goltz, überreichte dem Vorsitzenden der Kempowski-Gesellschaft Hon.-Prof. Sascha Feuchert einen an sie gerichteten Brief Walter Kempowskis aus dem Jahre 1969. Dieser Brief war unmittelbar nach dem Erscheinen des Erstlings "im Block" verfasst worden und kündigte bereits das neue Romanprojekt "Tadellöser und Wolff" an. Feuchert, der zusammen mit Dirk Hempel den Brief im Laufe der Tagung auch verlas und kurz in den biographischen Kontext einordnete, war über dieses Geschenk überglücklich. Er versprach, den Brief im Namen der beiden Gesellschaften einem der Kempowski-Archive zur Verfügung zu stellen.

Der Schweizer Romancier Dr. Kaspar Schnetzler lieferte am zweiten Tag der Veranstaltung eine Werkschau, die der Wirkung Fontanes und Kempowskis auf sein eigenes Schaffen nachspürte. Prof. Roland Berbig widmete sich mit hohem Anspruch den sozialen und kreativen Kompetenzen der beiden Autoren, die besonders im Nörgeln und Nöhlen hervortraten; seine Studentin Vanessa Brandes begeisterte mit einem ausgefeilten Einblick in Kempowskis und Fontanes Tätigkeiten als Literaturkritiker, wobei sie auch Fotos aus Kempowskis Privatbibliothek zeigte, die deutlich machten, wie konkret seine kritischen Bemerkungen ausfielen.

Die Germanisten der Kempowski-Gesellschaft lieferten Ergebnisse ihrer anhaltenden Forschung. Vorsitzender Sascha Feuchert präsentierte Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Fontanes und Kempowskis realistischen Erzählweisen, Andreas Grünes einen kenntnisreichen Vergleich der Idyllenkonzeption beider Autoren. Maria Weisse kontrastierte deren Hafterfahrungen, Daniel Randau unterhielt mit einer launigen Gegenüberstellung der Bürgerlichkeit bei Fontane und Kempowski. Und Prof. Carla Damiano war aus Michigan angereist, um aktuelle Forschungsstandpunkte zur Massenkommunikation auf Fontane und Kempowski zur Anwendung zu bringen: Sie konnte zeigen, wie die neusten technischen Entwicklungen sich jeweils ind die Werke einschrieben.

Deutlich wurden immer wieder die Parallelen zwischen den beliebten Autoren, zur wiederholten Verblüffung nicht nur der zahlreichen Fontane-Freunde, die aber Sachkenntnis und Enthusiasmus der deutlich kleineren Gießener Gesellschaft anerkennend quittierten. Unter diesen soignierten Kulturfreunden dürfte Kempowski neue Leser gefunden haben.
 

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